Elbe Hochwasser -2-
 
 

 

09.04.2006 Lauenburg

Wie lange halten die Mauern der alten Häuser am Elbufer von Lauenburg (Kreis Herzogtum Lauenburg) noch dem Druck des extremen Hochwassers stand? Diese Frage beschäftigt Anwohner und Einsatzkräfte gleichermaßen. Gestern Mittag wurde das beliebte Hotel und Restaurant Möller an der Elbstraße vorsorglich evakuiert. 23 Urlauber, die gerade noch mit Blick auf die vor den Fenstern vorbei rauschende Elbe gefrühstückt hatten, mussten abreisen. Für das Gebäudeensemble, das am 27. April versteigert werden soll, besteht Einsturzgefahr.

"Im Keller ist ein Heizöltank aufgeschwommen, der von unten gegen die Kellerdecke drückt und sie nach oben gewölbt hat", erklärt Bauamtsleiter Reinhard Nieberg. Er hat von der Hamburger Baubehörde einen per Polizeieskorte nach Lauenburg gebrachten Statiker zu Hilfe gerufen. Männer vom Technischen Hilfswerk stützten nach dessen überschläglichen Berechnungen die Decke ab. Der Keller wurde geflutet, um eine ebenfalls eingedrückte Wand zu stabilisieren. Nieberg: "Wir mussten den Keller fluten, um innen einen genauso hohen Druck wie außen aufzubauen. Das soll die Wände entlasten." Niemand weiß, ob das gelingt.


In immer mehr Häusern schwappt das Wasser. Die Wände sind aufgeweicht, lassen das Wasser durch. Die Feuerwehr hat Pumpen aus dem ganzen Kreisgebiet angefordert, um auf weitere Wasserschäden schnell reagieren zu können. Mit Pumpen wird bereits versucht, das Wasser aus den Gullys und Regensielen abzupumpen. "Es drückt in die Straße", berichtet Wehrführer Thomas Burmester. Seine Männer mussten zwischendurch neben dem Kampf gegen die Fluten sogar noch ein Feuer löschen. Unbekannte Brandstifter hatten am Stadtrand Bauschutt und Paletten angezündet. "Immerhin haben wir zur Zeit genug Löschwasser", sagte ein Feuerwehrmann.


"Um die Einsatzkräfte zu schonen, arbeiten wir rund um die Uhr im Schichtdienst, ", erklärt Peter Kunze, der Sprecher des Kreisfeuerwehrverbandes. Auf ihm lag am Wochenende die ganze Last der Presseanfragen. "60 Interviews für Fernseh- und Radiosender habe ich wohl schon gegeben", sagte er gestern. Die genervten Anwohner mussten sich immerhin nicht mehr durch Hochwasser-Touristen ansprechen lassen: Die Polizei hatte die Elbstraße abgeriegelt, um den Einsatzkräften freie Bahn zu bieten.


Ministerpräsident Peter Harry Carstensen (CDU) hatte Sonnabend erneut Lauenburg besucht. Er kündigte an, dass man genau prüfen werde, wieso die Prognosen des Wasser- und Schifffahrtsamtes (WSA) für Lauenburg so falsch waren und wieso so viel Wasser in der Stadt angekommen ist. Das Wasser steht heute fast einen halben Meter höher als bei der Jahrhundertflut im August 2002. Vor einer Woche hatte das WSA noch von einem Pegelwert um acht Meter gerechnet. Jetzt sind es fast 9,20 Meter. Carstensen zollte den Lauenburgern für ihre Gelassenheit gegenüber der Flut Respekt und dankte den ehrenamtlichen Helfern für ihr Engagement. Doch die Gelassenheit kann auch Resignation sein. "Wir können nur noch hoffen, dass das, was wir tun konnten, als Schutz reicht", erklärt Sönke Ellerbrock, der Wirt des Gasthofes "Zum Alten Schifferhaus". "Ich hatte geahnt, dass uns die Zeit davon läuft, aber alle offiziellen Stellen haben abgewunken und gesagt, es kommt nicht so schlimm wie 2002", sagt Ellerbrock. Jetzt schwappt das Wasser gegen die Mauern seines Altstadthauses.


Langsam zeichnet sich das Ende des bisher scheinbar unaufhörlichen Anstiegs des Hochwassers der Elbe für die Schifferstadt Lauenburg ab. Die Pegelwerte stiegen am Sonntag nur noch langsam. Tapfer kämpfen die Bewohner der historischen Altstadt und Einsatzkräfte gegen die Fluten an. Der Sandsackwall direkt am Ufer war erst nur dreilagig, 24 Stunden später waren es acht Lagen. Mensch und Natur stehen sich erbittert gegenüber, keiner will nachgeben. "Wir halten die Lage zurzeit ganz gut", meint Wehrführer Thomas Burmester. "Es wird spannend, was hält und was nicht", sagt Burmester.

Touristen spazierten am Sonntag nur noch durch Teile der historische Elbstraße. Sie wurde an tief gelegenen Stellen gesperrt, nur Anwohner dürfen durch. In der Straße steht mittlerweile das Wasser. Es drückt durch Kanalschächte hoch. "Wir brauchen zwar den Tourismus für unsere Stadt, aber bitte nicht so", klagt Anwohnerin Birgit Reuter. Michael Kosog verkauft in der Zwischenzeit 2005 aufgelegte Fotomontagen als Postkarten: Der 106 Jahre alte Lauenburger Raddampfer "Kaiser Wilhelm", wie er durch die Elbstraße fährt. "Eigentlich als Gag gedacht, aber heute aktueller denn je", meint Kosog.

Abgelegen von der Elbe fürchtet Yue Shun Lam am Lauenburger Hafen seit Tagen um seine Existenz. Der 38-Jährige betreibt ein China-Restaurant mit 15 Mitarbeitern in einem Fachwerkhaus aus dem 17. Jahrhundert. Eigentlich blickt man von seiner Terrasse auf die älteste Schleuse Europas, die Palmschleuse. Doch jetzt steht dort zwei Meter hoch das Wasser. "Ich kann nicht mehr, ich glaube, ich gebe auf", berichtet der Wirt. Zum dritten Mal in gut drei Jahren läuft ihm das Wasser ins Haus. Die Feuerwehr pumpt rund um die Uhr, aber Wasser läuft aus Steckdosen und durch das Fachwerk. "Ich hatte Herrn Lam noch dazu animiert, sein Lokal von der Oberstadt hierher zu verlegen. Und nun das", meint Renate Kock, die gerne zum Chinesen Essen geht, traurig. "Es ist schlimm, wie man Herrn Lam hier alleine lässt. Er muss ja nicht nur gegen das Wasser und die Kosten kämpfen, sondern auch noch gegen die Behörden, die ihm nicht helfen", meint Renate Kock, die sonst gerne beim Chinesen ißt.

 

Gegenüber am Schöpfwerk der Stecknitz sorgt eine Spezialpumpe mit einer Leistung von 48000 Litern pro Minute dafür, dass das Wasser aus der Stecknitz über den Deich gepumpt werden kann. Die eigenen Pumpen schaffen es nicht mehr gegen den Druck des Hochwassers der Elbe anzukommen. Belüftungsgeräte kühlen die heißgelaufenen Aggregate. Auf der Baustelle für die 40 Millionen Euro teure neue Schleuse in den Elbe-Lübeck-Kanal herrscht ebenfalls "Land unter". Ob sie wie geplant zum 1. Mai in Betrieb genommen werden kann und ob es bereits Schäden gibt, ist unklar.

Der Kampf gegen das Hochwasser, das unter dem Rekordwert von 1888 mit damals 9,89 Metern bleiben wird, beschäftigt die Lauenburger weiter. Bis zu zehn Tage, schätzt das WSA, kann das Hochwasser stehen, ehe es spürbar sinkt. Mittlerweile läuft es schon nicht mehr so gut elbabwärts ab, berichtet WSA-Leiterin Bettina Kalytta. Die Flut der Nordsee drückt zu viel Wasser in die Elbe, der Ablauf wird blockiert, es staut sich zurück. 100 Häuser sind durch das Hochwasser in der Altstadt bedroht. Einige haben bereits keinen Strom mehr. Ein Zustand, der noch Tage das Leben in der Straße lähmen wird.