Sprengstoffsprengung
 
 

 

02.03.2006 Forstmeisterweg


Mitten in Schwarzenbek haben Ermittler des Landeskriminalamtes (LKA) aus Kiel gestern ein Sprengstofflager ausgehoben: In seiner Dachgeschosswohnung des Mehrfamilienhauses am Forstmeisterweg 1b hatte der 53-Jährige Rüdiger B. größere Mengen brisanter Chemikalien, die er sich über das Internet beschafft hatte, gehortet und schon zu neuen Stoffen gemixt. Die Sachen waren so unberechenbar und gefährlich, daß sie von den Spezialisten des Kampfmittelräumdienstes aus Groß Nordsee noch vor Ort gesprengt wurden. Der ganze Stadtteil war über Stunden im Ausnahmezustand.

 

"Eine unerwartete Explosion hätte den gesamten Wohnblock auf voller Länge beschädigt", berichtete Matthias Kipp, der Sprecher der Polizeidirektion in Ratzeburg. Das Sprengkommando zündete die Chemikalien dann auch lieber ganz vorsichtig in vier Portionen in einem Erdloch im Garten, statt sie noch auf den üblichen Sprengplatz bei Kiel abzutransportieren. Auch eine Rohrbombe wurde aus der Wohnung des 53-Jährigen geborgen und nach dem Röntgen entschärft.

 

Aufgrund der Erkenntnisse der LKA-Fahnder, die ein großes Ermittlungsverfahren gegen den Internetanbieter der Chemikalien wegen des Verstoßes gegen das Sprengstoffgesetz laufen haben, lief um 10 Uhr die größte Evakuierungsaktion seit Jahren in Schwarzenbek an. Den ganzen Tag über mussten Dutzende Anwohner in Notquartieren wie der Unterkunft des Deutschen Roten Kreuz (DRK) und bei Verwandten verbringen. Das DRK versorgte die Betroffenen und die Einsatzkräfte mit warmem Essen und heißen Getränken. Feuerwehrleute öffneten in mehreren Blocks zu Beginn des Großeinsatzes zahlreiche Wohnungstüren, um ganz sicher zu gehen, dass während des lebensgefährlichen Einsatzes keine Bewohner in der Nähe waren. Mittags wurde dann alles weiträumig abgesperrt. Kontrollierte Wohnungen wurden versiegelt und abgesperrt.

 

Feuerwehrmann Michael Wulf hatte gestern einen der gefährlichsten Jobs: Nachdem der Sprengmeister in seinem Schutzanzug vom Balkon die Explosivstoffe in eine Box an der Drehleiter geladen hatte, steuerte Wulf die brisante Fracht vorsichtig zu Boden und ließ den Sprengmeister die Sachen dort wieder ausladen und in das Erdloch bringen. Aus sicherer Deckung wurden die Mittel dann per Fernzündung zur Explosion gebracht.

 

"Das ist auch für uns ein dermaßen gefährlicher Auftrag gewesen, wie wir ihn selten erleben. Meistens können wir die Gefahren an der Einsatzstelle ja einschätzen, aber bei solchen Sprengstoffen ist man auch auf Glück angewiesen", erklärte Wehrführer Martin Schröder. Und das Glück war auf der Seite der 100 Einsatzkräfte: Bei den vier gezielten Explosionen im Garten am Forstmeisterweg passierte niemandem etwas. Bis zum Abend zog sich der Einsatz hin.

 

Die Polizei, der Rüdiger B. bisher nicht bekannt war, geht davon aus, dass es sich bei ihm um einen Sammler handelt, der sich lieber auf Sprengstoff als auf Modelleisenbahnen konzentriert hat. "Da gibt es in dem Verfahren des LKA eine ganze Reihe von Verdächtigen, das sind Freaks", so Kipp. Die Sammelleidenschaft kommt den 53-Jährigen wohl teuer zu stehen, denn neben dem Verfahren wird er auch die Einsatzkosten von mehreren Tausend Euro tragen müssen.


Nachbarn und Bürgermeister Frank Ruppert reagierten geschockt auf den Fall. "Ich habe den Eindruck, dass die Einsatzkräfte das hier alles gut im Griff haben. Aber es gibt einem schon zu denken, wenn in der Stadt jemand auftaucht, der so brisante Sachen sammelt", erklärte Ruppert. "Er war immer ein ganz ruhiger, zurückhaltend", sagte eine Nachbarin am Forstmeisterweg. Doch an Silvester, da habe es der 53-Jährige schon gerne ordentlich krachen lassen. Eine große fahrbare Kanone wurde ebenfalls aus seiner Wohnung abtransportiert. "Es ist doch Wahnsinn, in einer Wohnanlage solche Sachen zu horten. Wenn da etwas passiert wäre, wäre das hier doch alles in die Luft geflogen und wir wären mit drauf gegangen", meinte Anwohner Manfred Busch. "Ich finde es enorm, was man sich offenbar lange zeit unbemerkt alles organisieren kann", sagte Anwohner Walter Müller. Hans Goden erfuhr erst nachmittags, als er von der Arbeit kam, von dem Einsatz in seiner sonst so ruhigen Wohnsiedlung. "Unglaublich, so etwas direkt in der Nachbarschaft", berichtete er.